Sonntag, 17. Februar 2013

Vergessliche Poesie

In den Häfen, auf den Park-
wegen, in den unfrisierten Vorstadtgärten:
Rauhe, vergessliche Poesie.

Ich irre, es kommt vor, es wird gedichtlich:
Zwischen zwei Augenschlägen, heiß
gegossene, eiserne Blüten.

Ich reiße nicht daran, ich suche
kein echtes Leben. Echtes zu leben
braucht kein Gesuch:

Im Gedränge umarmt mich
die erlittene Welt,
winkt nach mir mit tausend
überflüssigen Händen.

Ich kann dich noch sehen

Ich kann Dich noch sehn: ein Echo.
ertastbar mit Fühl-
wörtern, am Abschieds-
grat.

Dein Gesicht scheut leise,
wenn es auf einmal
lampenhaft hell wird
in mir, an der Stelle,
wo man am schmerzlichsten Nie sagt.



~ Paul Celan (Ich kann dich noch sehen)

Samstag, 16. Februar 2013

Du sagst das Ende der Liebe voraus


Du sagst das Ende der Liebe voraus
Hör auf Liebe ist ein Wort
wie Geduld oder Verschwendung
Es arbeitet es ist da
damit wir uns darauf einlassen
wie auf ein Ultramarin zwischen Felsblöcken
Es ist eine Farbe ein Weg eine Arbeit
des Zugehens es ist eine Hoffnung
die wir nähren müssen
Erst wenn die Liebe keinen Wein
mehr erhält
können wir das Wort streichen

Nimm ein Wort wie Schneebruch So
stürzen die Worte unter dem Nirgends
nieder wenn wir sie nicht nutzen
sie wandern von Lippe zu Lippe
sie stürzen in die schwarze Erde
wenn dem Ast das Wort nicht
ins Nadeln fällt
Nicht jeder hat die Gabe
der Worte Aber wenn wir Liebe haben
und in uns arbeiten dann stehen wir
fest zwischen den Millionen von Bäumen
Ferne wird eine Kategorie der Nähe

und wir können leben.

~ Joachim Sartorius, Liebe und Arbeit. Aus: In den ägyptischen Filmen

Dienstag, 22. Januar 2013

Trennung



“Laß auch die süße Erinnerung an dich vergehen, sterben,
verschwinden.
Denn jetzt, wo du dich im Traum angesiedelt hast
und dort wohnst,
ist eine Begegnung dort unnötig, schmerzhaft, Trennung.
” 

~ Paavo Haavikko










Dienstag, 8. Januar 2013

Eine Spur Übertreibung

Außen ist vieles anders geworden. Ich weiß nicht wie. Aber innen und vor Dir, mein Gott, innen vor Dir, Zuschauer: sind wir nicht ohne Handlung? Wir entdecken wohl, daß wir die Rolle nicht wissen, wir suchen einen Spiegel, wir möchten abschminken und das Falsche abnehmen und wirklich sein. Aber irgendwo haftet uns noch ein Stück Verkleidung an, das wir vergessen. Eine Spur Übertreibung bleibt in unseren Augenbrauen, wir merken nicht, daß unsere Mundwinkel verbogen sind. Und so gehen wir herum, ein Gespött und eine Hälfte: weder Seiende, noch Schauspieler. 


~ Rainer Maria Rilke
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

[Und wenn du dich getröstet hast]

Und wenn du dich getröstet hast,
wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.
Du wirst immer mein Freund sein.
Du wirst dich daran erinnern,
wie gerne du mit mir gelacht hast.



 Ich werde die wiedersehen, die ich auf Erden geliebt habe,
und jene erwarten, die mich lieben.


Ich bin von euch gegangen, nur für einen Augenblick,
und gar nicht weit.
Wenn ihr dahin kommt, wohin ich gegangen bin,
werdet ihr euch fragen, warum ihr geweint habt
.

~ Antoine de Saint-Exupéry

Samstag, 5. Januar 2013

[Trage mich]

Trage mich
in den
Sternenkranz

Gib mir
ein Schiff
aus weißen
Wolken
am Tiefmeer
meiner
Einsamkeit

Ich werde
hundert Jahre
sterben

Ich bin
bereit


~ Rose Ausländer

Montag, 31. Dezember 2012

Liebe nach Liebe

Die Zeit wird kommen,
wenn du mit Schwung
dich selbst an deiner eigenen Tür
begrüßen wirst, in deinem eigenen Spiegel,
und jeder wird beim Gruß des anderen lächeln

und sagen, setz dich hier hin. Iß.
Du wirst wieder den Fremden lieben, der du warst.
Gib Wein. Gib Brot. Gib dein Herz sich selbst
zurück, dem Fremden, der dich geliebt hat

dein ganzes Leben, den du wegen eines anderen
übersahst, der dich inwendig kennt.
Nimm die Liebesbriefe vom Bücherbord herunter,

die Fotografien, die verzweifelten Zeilen,
pelle dein Bild vom Spiegel ab.
Setz dich. Schmause von deinem Leben.

~ Derek Walcott, übersetzt von Klaus Martern

Freitag, 28. Dezember 2012

Wildgänse

Du musst nicht gut sein,
Du musst auch nicht auf deinen Knien
hunderte von Meilen bereuend durch die Wüste rutschen.
Du musst nur das zarte Tier deines Körpers
lieben lassen, was es liebt.

Erzähl mir von deiner Verzweiflung, und ich vertraue dir meine an.
Inzwischen dreht sich die Erde weiter.
Inzwischen zieht die Sonne und die klaren Regenkiesel
über die Landschaften,
über die Prärieen und die tiefen Wälder,
die Berge und die Flüsse.

Inzwischen fliegen die Wildgänse, hoch in der klaren blauen Luft,
ihrem Zuhause entgegen.

Wer du auch bist, ganz gleich wie einsam,
die Welt zeigt sich dir in deiner Vorstellung,
ruft dich wie die Wildgänse, rauh und aufgeregt -
und verkündet immer wieder deinen Platz
in der Familie der Dinge.

~ Mary Oliver

Sonntag, 23. Dezember 2012

und Erde hinüber

Dieses Sterben verschweigen
kann ich nicht.
Brichst du hinaus aus mir wie Wahn.
Dass ich dich aushauche, hinab
weit unter mein Herz

und Erde hinüber.

Im Frühling
steht die Wiese satt
auch um die Toten

und grün so wie der Fink,
der über dein Grab hin lernt zu tanzen.